Ausgewählte Kritiken - Rezensionen  
 
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Rezension "nach dirdort" - "Literarisches Österreich - Organ des Österreichischen Schriftstellerverbandes", 2/2005
   
   
 
     
 
 
     
  Manfred Chobot - "nach dirdort"  
   
 
Reisegeschichten
  „nach dirdort“
     
    Gedichte und BildGedichte.      
    St. Pölten: Literaturedition NÖ,      
    184 Seiten mit 85 Farbfotos,      
    € 28,--      
           
           
               
 
   
     
 

Die Gedichte und BildGedichte "nach dirdort" präsentieren Manfred Chobot mit seiner Doppelbegabung als Lyriker und Fotograf. Ein Nachwort mit dem Orientierungssignal "eine erweiterte Biografie" von Helga Cmelka - gleichermaßen sensibel, kenntnisreich und klug mit der Beimischung von Witz und Ironie verfasst - und ein Verzeichnis über Entstehungsort und Entstehungsjahr der Fotos (BildGedichte) erweisen sich als wertvoller Informations-Apparat.
Der Teilzyklus "der bauch im kopf" mit Liebesgedichten, die Abschiede und Neubeginne, Glücksmomente und Trennungen enthalten, angereichert durch Gedichte, die Essfreuden und Naturbeobachtungen, aber auch die Formulierung von Ängsten, Gebrechen und Defiziten, von Freundschaftsgefühlen und deren Umschlagen in Enttäuschungen nicht aussparen, leitet über zu sieben Gedichten über ein durchaus nicht idealisierendes Vater-Erlebnis gegenüber einem Kleinkind "wechselbad mehrmals täglich" und im weiteren zu Widmungen an Dichter- und Malerfreude oder Idole der spätpubertären Selbstfindung (u. a. Friederike Mayröcker, Hermann Schürrer, Karl Anton Fleck, Hans Staudacher, Wolf Vostell, Henri Michaux, Gunter Damisch und zweimal 125 Jahre Hermann Hesse).
Die zentralen Erlebnisse des Todes der Großmutter (für M. Ch. als Kind) und des Vaters (für M. Ch. als Erwachsenen) werden aufgearbeitet ohne Sentimentalität und vorgespielte Vertraulichkeit, sechs Gedichte mit dem Inhalt "Todestag meines Vaters" steht das Bekenntnis von der Vermeidung des Besuchs seines Grabes gegenüber, Entfremdung schwingt zwischen den Zeilen mit, und das Glaubensbekenntnis, dass es ein Leben nach dem Tod nicht gibt, keinen Neuanfang.
Litaneien und Balladen, Gebete und Oden stehen Reiseerlebnissen mit Ortstafel-Aufzählung, den Sprüngen von Guatemala über Ötztal und Bratislava bis Schönbrunn und den Friedhof der Namenlosen, Meditationen über Krieg und Unsicherheit, Selbstporträts und einen Antrag auf eigene Entmündigung mit der Begründung des Fehlens genauer Kenntnisse der Preise von Backwaren gegenüber.
Die Lobversatzstücke wie "Kosmos" oder "Universum" sollen tunlichst vermieden werden, doch die Vielfalt der Themen und die Reichweite der sprachlichen Ausdrucksformen lassen die Wertung und Beurteilung dieses Buches als großen lyrischen Wurf mit dem Attribut einer außergewöhnlichen Sammlung von Fotokunstwerken eines Reisenden mit "quick eyes" zu, eines Reisenden, der kein auf Baedeker-Sterne fixierter Vorbeireisender ist, sondern das gleichzeitig einfache und komplizierte Menschenleben und die Wirklichkeit der dinglichen Materie von Hagenbrunn bis Hawaii, von Prag bis zum Titicacasee, von Rom bis Jerusalem, von San Francisco bis Peking im Alltag, in der Verfalls-Nuance, in der Armut und Armseligkeit, in der vergeblichen Bemühung und im misslungenen Versuch festhält und dabei keinesfalls denunziert.
Einige charakteristische Verszeilen oder Gedichtteile seien als Abschluss zur primärliterarischen Illustration zitiert: "oasensage / schneller ist kein kamel / durch den sand die spuren / einer pille depressiv nach / dirdort steigert den exzeß / die berührung der bewaffneten / göttinnen und halbgötter / am ende ihrer kräfte / eine oase ohne grün / zeuge dir selbst / eine palme" oder "wechselbad mehrmals täglich / wenn du mienen spielend schläfst / in meinem arm lächelst / lachen meine streichelhände / über deinen kopf / zerspringen meine empfindungen / deiner existenz willen / möchte dich meine zuneigung / erdrücken // wenn du mit hochrotem kopf / mich schreiend peinigst / daß es dir die stimme / verschlägt / könnte ich dich zerdrücken / auf der stelle / an die wand schmeißen / zornerfüllt" oder "weil ich dich liebe / punkt strich punkt punkt / kurz kurz / punkt / lang und dreimal kurz / punkt / lerne ich deinetwegen / morsen / über kurz oder lang / hörst du / meine botschaft / töne von wichtigkeit / für mich / kein neues alphabet / will ich erfinden / um dich abzulenken / von dir / selbst".

Alfred Warnes

 
   
     
     
     
 
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