Ausgewählte Kritiken - Rezensionen  
 
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Rezension von „Blinder Passagier nach Petersburg“ – Detela Lev
LOG, Nr. 121
 
     
   
 
     
 
 
     
  Manfred Chobot  
   
 
Der Gruftspion
 

Manfred Chobot

       
   

Blinder Passagier nach Petersburg
Essays und Interviews.

     
   

Brosch.

     
   

264 S.

     
   

edition lex liszt 12, Oberwart 2009,

     
   

20,-- Euro

     
           
               
 
   
     
     
 

Manfred Chobot, Blinder Passagier nach Petersburg. Essays und Interviews. Edition lex liszt 12. Oberwart 2009. 264 Seiten.

Dem an der Literatur und Kunst interessierten Leser wird mit diesem Buch ein nützlicher Einblick  in das Schaffen einiger derzeit fast vergessenen, aber oft interessanten, meist subversiven oder problematischen deutschen und österreichischen Autoren aus der verworrenen Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg und aus der Gegenwart geboten. Diese Publikation von Manfred Chobot, dem Wiener Autor von zehn Lyriksammlungen, sechzehn Büchern Prosa, zwei Fotobüchern, einem Buch für Kinder und vielen Hörspielen und Features im Rundfunkprogrammen des Inlandes und des Auslandes, ist sein erstes Buch mit Essays und Interviews. In der Publikation sind sechzehn Beiträge veröffentlicht, die Chobot für Zeitungen, Zeitschriften, Kunstkataloge oder Radioprogramme schrieb.
Im ersten Essay, der Titelgeschichte Blinder Passagier nach Petersburg, berichtet Chobot über den ungewöhnlichen Lebensverlauf des expressionistischen deutschen Schriftstellers, Sozialrevolutionärs und Anarchisten Franz Jung (1888 – 1963). Er war zusammen mit Raoul Hausmann, Hans Arp und Tristan Tzara einer der Unterzeichner des „Dadaistischen Manifestes“ und befreundet mit mehreren namhaften linken Autoren und Künstlern. Exzesse im privaten Leben mit Frauen und in der politischen Öffentlichkeit standen für Jung immer auf der Tagesordnung. Am 21. April 1920 brachte er den deutschen Fischdampfer „Senator Schröder“ bei der Ausfahrt aus dem Hafen Cuxhaven mit Hilfe zweier Komplizen in seine Gewalt und erzwang eine Kursänderung nach Russland. Als „Delegierter der KAPD – der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands“ (einer radikalen, von der Kommunistischen Partei Deutschlands  abgespaltenen Partei) wollte er Lenin „über die revolutionäre Lage in Deutschland berichten“ und wegen der Aufnahme der KAPD in die Dritte kommunistische Internationale verhandeln, aber Lenin lehnte die Aufnahme ab. Nach der Begegnung mit dem linken Anarchisten Jung (Jung: „Lenin hatte eine Position wie der Zar“) verfasste er angeblich die bekannte Schrift Der linke Radikalismus, die Kinderkrankheit des Kommunismus.
Als Jung nach Deutschland zurückkehrte, wurde er verhaftet und wegen des „Schiffsraubes auf hoher See“ angeklagt .Gegen eine Kaution von 30.000 Mark, die von der sowjetischen Regierung bezahlt wurde, wurde er bedingt freigelassen und flüchtete nach Holland, wo er wieder verhaftet wurde. Das passierte ihm noch öfters im Leben.
Chobot  betont, dass „Kompromisse und Leisetreterei nicht seine Sache waren“. Im Zweiten Weltkrieg verlor er in Ungarn durch die faschistischen Pfeilkreuzer fast  das Leben, flüchtete nach Italien, kam 1945 in ein amerikanisches Lager, übersiedelte nach Amerika – und  kehrte doch wieder zurück nach Deutschland, wo er seiner Sehnsucht nach der sozialistischen Freiheit beraubt, physisch gebrochen, aber eigensinnig bis zuletzt , 1963 starb.
Im Aufsatz  über die Schriftstellerfamilie Ferdinand Bronner – Arnolt Bronnen und Barbara Bronnen entblößt Chobot das opportunistische Gehabe des Sohnes des sozialkritischen jüdischen Autors Ferdinand Bronner Arnolt, der sich, obwohl Jugendfreund von Bert Brecht, im Dritten Reich dem Propagandaminister Goebbels anbiedert mit der Behauptung, dass sein wirklicher Vater ein guter arischer Freund seiner Mutter ist, aber nach dem Zweiten Weltkrieg  die Wende zum Kommunismus durchzieht und in der DDR seine fragwürdige Karriere „sozialistisch“ zu vollenden versucht.
Chobot berichtet auch über den fast vergessenen österreichischen Autor der vor dem Zweiten Weltkrieg viel gelesenen und gelobten politischen Reisebücher (z.B. „Es geschah in Moskau“, 1931; „Amerika heute und morgen“, 1912, usw.) Arthur Holitscher und über den unverschämten nationalsozialistischen Plagiator der linken Poesie, den Österreicher Richard Billinger,  der z. B. ein Gedicht des verfolgten linken Dichters  Hugo Sonnenschein – Sonka („…In unserem Haus sind zwei Gerechte,/ Der Christ und Lenin an der Wand“) unter seinem eigenen Namen auf diese Weise „völkisch“ veränderte: „...In unserem Haus sind zwei Gerechte, / Der Christ und Hitler an der Wand...“
Interessant sind Chobots analytischen Auseinandersetzungen mit dem österreichischen literarischen Experimentator Max Riccabona (1915 – 1997), mit der Autorin der bekannten Jugendbücher Christine Nöstlinger oder mit dem tragisch zu früh verstorbenen Wiener Poeten Christian Loidl, liebenswürdig seine Reminiszenzen an die mit dem Autor befreundeten außergewöhnlichen Wiener Künstlerpersönlichkeiten, an die Maler Othmar Zechyr und Karl Anton Fleck und an den großen gesellschaftskritischen Bildhauer Alfred Hrdlicka.
Chobot, selbst Verfasser von vielen Hörspielen, setzt sich in einem besonderen Aufsatz  mit dieser spezifischen rundfunkgemäßen Literaturgattung auseinander.
Seine Interviews mit dem spanischen Nobelpreisträger Jorge Semprún, dem Pionier von „Fluxus – Kunst“ Wolf Vostell und dem bekannten österreichischen Psychiater Leo Navratil, der in Gugging bei Klosterneuburg für seine psychisch kranke Patienten mit Erfolg das „Haus der Künstler“ gegründet hat, sind weitere Beiträge in dieser Publikation, die glaubwürdig und anschaulich die Vielfalt der Interessen des Autors dokumentieren und reflektieren.

LEV DETELA

 
 
 
 
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